20 Jahre danach

Gespräch mit Astrid Köhler (2009)

Astrid Köhler: 20 Jahre nach den Umbrüchen in der DDR – wie schauen Sie auf diese Monate zurück und wann liegen in Ihrer Erinnerung Anfang und Ende dessen, was heute klangvoll-historisch als Friedliche Revolution oder kurz und lakonisch als Wende bezeichnet wird? Wie fügt sich der Tag des Mauerfalls in Ihre Gesamterinnerungen daran ein?

Angela Krauß: Ihre Frage ist mir willkommene Gelegenheit, Sie mit meinem Zeitmaß bekannt zu machen. Ich habe seit dem Beginn meines Schreibens, seit Mitte der Siebziger Jahre, auf ein Werk zugeschrieben, es existierte in mir, nicht als Form, sondern als Grund des Schreibens, anfangs unbewußt, später machte ich konkrete Ansätze, einer davon beschäftigte mich fast ein Jahr, danach bestand dieser Grund immer unbewußt weiter. Ich wußte, daß ich die Geschichte meines Vaters schreiben würde. Mein Vater scheiterte an seinem Leben und beendete es 1968 mit dem selbstgewählten Tod. War ich dieser Aufgabe gewachsen? Denn als solche empfand ich das, als eine innere Aufgabe. Diesem Ereignis, seiner Bedeutung für mich und seiner Aussage über die Gesellschaft, in der ich lebte, mußte ich gewachsen sein, menschlich und künstlerisch. Ich habe immer meinen Reifegrad zu erspüren versucht. Für mich ging es, was das Schreiben betraf, das ganze Jahrzehnt vor 1989 im Grunde um nichts anderes. Die beiden Bücher, die in dieser Zeit entstanden, besonders der Erzählungsband, waren gewissermaßen auch Vorbereitung, wie Eintanzen. Daß ich »Der Dienst« im Jahr 88/89 geschrieben habe, schreiben konnte – das erkenne ich heute als eine Facette der gesamten Verdichtung, die damals in der Gesellschaft, also auch in den Einzelnen im Gange war. Ich hatte die DDR auf meine Weise erfaßt, d.h. in eine dichterische Figur hineinerfunden, also DDR nicht als Staat, sondern als atmosphärisches Feld, in dem wir alle lebten: atmeten, schauten, uns äußerten, dachten, träumten ... Heute bin ich sicher, daß dieser Verdichtungszustand in der Gesellschaft erst eintreten mußte, damit ich nach 20 Jahren mein Nucleus-Gedicht schreiben konnte. In Aktionen, die das Staatsgerüst erschütterten, zeigte er sich kurze Zeit später. Als eine Art Abschluß des gesellschaftlichen Umbaus für mich persönlich habe ich mein erstes Buch erlebt, das ich im vereinigten Deutschland geschrieben habe und das von den irrationalen Handlungen in diesen Übergangsjahren und der Orientierungssuche handelt: »Die Überfliegerin«. Es war ähnlich wie bei »Der Dienst«: Formgebung ist für mich der Erkenntnisprozeß, der mich überzeugt wie kein anderer.

Mit dem Geburtsjahr 1950 gehören Sie zur Generation der in die DDR Hineingeborenen und haben die Geschichte des Landes fast vollständig durchlebt. Was bedeutet für Sie die Erfahrung DDR als gesellschaftliches Wesen und was als Autorin?

Bisher war das in erster Linie mein Leben. In zweiter Linie ein Stück Geschichte. Mit diesem Stück Geschichte ist jetzt etwas passiert, auf das ich mangels Erfahrung nicht vorbereitet war: Es ist zum Geschichtsbild geworden, zum überlieferungstauglichen Format. Ich habe drei Dinge gelernt: D a ß so etwas geschieht. W i e so etwas geschieht. Und daß es zwanzig Jahre braucht. Eine vierte Erkenntnis kommt hinzu, sie ist für mich persönlich wichtiger als die genannten: Innerhalb eines solchen Prozesses sind die individuellen Erfahrungen etwas, das gesichert werden muß, wenn sie sich nicht in diesen Prozeß hinein auflösen sollen. Das gilt mehr oder weniger für jeden Menschen, der am gesellschaftlichen Geschehen Anteil nimmt, sich als Bürger eines Gemeinwesens mit anderen vergleicht, sich äußert. Als Schriftstellerin äußere ich mich allerdings auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen öffentlich. Die eigentliche – auf der findet unser Gespräch jetzt nicht statt – ist eine nahezu intime Ebene: die Dichtung. Hier verfüge ich über all meine Erinnerungen, alle Bilder, Geräusche, Gerüche, alle Vermutungen, Enttäuschungen, Vorfreuden und Sehnsüchte von damals, die sich für mich mit diesem Stück meines Lebens verbinden. Ich versuche, diese Elemente wie Fundstücke frei von Fingerabdrücken zu halten, also möglichst frei von eigener Besserwisserei und der Deutungsanmaßung von Nichtzeugen, die gerade jetzt, 20 Jahre danach, wieder einmal erstaunlich rabiate und beklemmend einfältige Formen annimmt. Solche Wahrnehmungen legen mir nahe, das Politische und das Künstlerische als zwei einander ausschließende Erkenntnisweisen zu sehen. Individuelle Erfahrungen schütze ich in einem inneren Raum, in dem Bewegung ist, er dient mir als Schatzkammer, Energiequelle und Forschungslabor – und bleibt mir selbst ein fortdauerndes Geheimnis. Solange ich das Gefühl habe: Ich weiß eigentlich nichts, ich kann nichts darüber sagen, was es gewesen ist, schon gar kein Urteil – solange ist alles richtig. Es ist die Bedingung der künstlerischen Arbeit. Diesen Zustand zu halten, ist eine beträchtliche Herausforderung in einer Zeit, da aus Geschichte ein Geschichtsbild gemacht wird. Geschichte ist, wie der Sieger es erlebt hat, heißt es bei Thomas Mann. Kunst dagegen ist offen, wird von der Ambivalenz des Lebens getragen, ein Kunstwerk ist lebendig, beweglich, es ist in der Lage, jedem Menschen individuell zu begegnen, ohne seinen substanziellen Kern zu verlieren oder zu verleugnen.

Als Teil Ihrer künstlerischen Ausbildung haben Sie drei Jahre am damaligen Literaturinstitut Johannes R Becher in Leipzig studiert. Was war das für eine Schule?

Sie hieß auch »kleinste Hochschule der Welt«. Sie war vom Status anderen Kunsthochschulen gleichgestellt. In der grünen Villa in der Tauchnitzstraße in Leipzig studierten 13 Studenten drei Jahre lang. Wir waren in meinem Kurs zwischen 26 und 48 Jahre alt. Alle hatten eine abgeschlossene Berufsausbildung, das war Bedingung, alle hatten Erfahrungen mit einem Berufsleben und einen oder mehreren Familienleben. Also: Sie wußten, was Leben ist. Und sie hatten Erfahrungen damit, wie in diesem Alltag konträre Bestrebung wie das Schreiben unterzubringen, durchzusetzen ist. Nämlich unter Zugeständnissen, Opfern, Zerrissenheit persönlicher und auch politischer Art. Wer es bis zu diesem Studium gebracht hatte, war also schon Jahre vorher bereit gewesen, dies alles zu akzeptieren. Daß dieses Studium mit einem Hochschulabschluß endete, jedoch für das weitere Schreiben oder gar für den Schriftstellerberuf keinerlei Garantie bot, verstand sich von selbst. Es gehört zum Gesamtwagnis einer Künstlerexistenz dazu. Eine Schule ist dabei eine Selbstprüfung unter vielen anderen, mehr nicht. Und falls Sie das auch noch fragen wollten: Nein, schreiben habe ich dort nicht gelernt. Kein Institut der Welt kann das lehren. So wie ich Schreiben verstehe. Das Gedicht (die gedichtete Welt) ist in einem und wartet, daß es aufgehen kann, es braucht bestimmte Bedingungen, Ereignisse im Lebenslauf, welche, weiß niemand vorher. Vielleicht treten sie auch nicht ein. Die Institutsjahre habe ich als eine Art Vorbereitung erlebt. Ich habe dort kaum geschrieben. Ich wurde mir dort aber immer sicherer, daß die Form vollkommen in mir liegt. Ohne daß ich sie schon verwirklichen konnte. Das, was Sie den künstlerischen Prozeß nennen würden, das alles ist so weit entfernt von Formulierbarkeit. Manchmal versuche ich mir selbst auf die Schliche zu kommen. Begreifen werde ich es nie.

Erfahren Sie generell die Sie umgebende Gesellschaftsordnung als Existenzgrundlage oder eher als lebensweltlichen Referenzrahmen Ihres Schreibens? Oder anders: Was haben für Sie Ästhetik und Politik miteinander zu tun?

Ich verstehe die Welt über ihre Gestalt. Politische Aussagen unterziehe ich der gleichen Prüfung wie solche eines Menschen, dem ich persönlich vertrauen möchte. Das mag unrealistisch klingen. Aber wenn ich das in mir bewahren möchte, was mich zum Schreiben befähigt, habe ich keine andere Wahl. Die Gesellschaftsordnung, in der ich lebe, ist für mich als Bürgerin eines Staates bedeutsam, ich stimme ihr zu oder nicht, oder in Teilen, das eine oder andere. Es ist mir nicht egal, wo ich lebe. Für mein Schreiben allerdings gilt: Mein Gegenüber ist die Welt, egal welche. Die sog. Wende hatte auf mein Schreiben keinen Einfluß. Das Schreiben war über die gesamte Zeit ein vollkommen zentrierter Bereich in mir. Die Welt war dafür da, daß ich von früh bis spät über sie staune, sie kennenlerne, sie zu begreifen versuche, indem ich eine Form für diese merkwürdige Welt finde …

Schreiben bedeutet für Sie »Formen zu finden für das, was uns widerfährt«, und es somit unserem Verstehen aufzuschließen. Das kann auf individueller, aber auch auf kollektiv-kommunikativer Ebene passieren. Welche Veränderungen haben Sie in der Kommunikation mit Ihrem Lesepublikum während der letzten zwanzig Jahre festgestellt?

Ich freue mich immer wieder und schon lange, daß die Leute sich nicht in der Tür irren. Es sind immer die, die ich auf meine Art gerufen habe. Dadurch entsteht im Laufe der Jahre das Gefühl eines Gegenüber, als schriebe man in einem Resonanzraum. Das nimmt seit zwei Jahren etwa stark zu. Ob mein Publikum größer wird, weiß ich nicht. Aber es wird als Gegenüber stärker. Es nimmt intensiver auf, verbundener. Das spüre ich fast körperlich. Es hat auch andere Fragen als vor zehn Jahren, die Adaptionsphase ist vorbei, jeder ist in der neuen Gesellschaft angekommen. Wir kehren nun zu den eigentlichen Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum zurück. Ich habe den Eindruck, jenes Fragen, Suchen nach Perspektiven, das einst das DDR-Publikum einte, deutlich spürbar im Theater damals, wird wieder zu einem Merkmal des heutigen Publikums. Nur daß das Suchen sich nicht auf ein verschlossenes Land bezieht, sondern auf die ganze Welt.